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Urtriebe und wie sie unsere Ängste stimulieren

Urtriebe als angeborene Reflexe

Die Menschheit wird unbewusst von angeborenen Urtrieben gesteuert, die in dem s.g. Reptilienhirn (Hirnstamm und Zwischenhirn) gespeichert sind. Vor Urzeiten bestand die Aufgabe der Triebe darin, das Überleben in einer lebensfeindlichen Umgebung zu sichern. 

 

Bei den Urtrieben handelt es sich um unbewusst gesteuerte, reflexartige Reaktionen, die in ihrem Ursprung der Selbsterhaltung und der Befriedigung der Grundbedürfnisse dienen. Dazu gehören beispielsweise Nahrungsaufnahme, Schlaf, Wärme, soziale Kontakte, Sexualität aber auch der Flucht-Kampf-Reflex.

 

Wenn wir getriggert werden, kann es passieren, dass wir uns anders verhalten als gewöhnlich. Es könnte sein, dass dann plötzlich der Bräutigam vor dem Altar stehen gelassen oder der Chef anschreien wird und wir denken danach: "Was habe ich bloß getan?!".

 

Wir konnten nichts dagegen tun, denn der emotionale Stress in dem Moment war scheinbar extrem groß. Wir haben versucht reflexartig eine Lösung für uns zu finden, um unsere Existenz zu retten. An dieser Stelle könnten wir fragen: Warum hat mich die Situation so enorm gestresst? Auf der Stressskala von 0 bis 10, wobei 0 kein Stress bedeutet, waren wir scheinbar bei der 10!

Flucht-Kampf-Totstell-Reflex

In einer bedrohlichen Situation können wir auf drei verschiedene Arten reagieren. Wir können entweder fliehen, kämpfen oder uns totstellen. Solche Reaktionen erleben wir auch heute noch, sobald wir einer stressigen Situation, wie beispielsweise einer Prüfung ausgesetzt sind oder blitzschnell auf ein Ereignis reagieren müssen. 

 

Foto@Azzedine-Rouishi-Unsplash

Bei dem Totstell-Reflex hat unser System entschieden, dass das Kämpfen oder Fliehen nicht möglich ist. Infolge dessen erstarren wir innerlich und hoffen, dass die Situation bald vorüber ist.

 

Das ist der Grund, warum wir bei einer Prüfung, oder einem Vorstellungsgespräch plötzlich nicht mehr klar denken können. Die gesamte Energie wird für den eventuellen Kampf oder die Flucht bereitgehalten. 

 

Hier wäre ganz besonders wichtig, die Starre danach abzuschütteln. Manchmal reagiert unser Körper automatisch und wir fangen an zu zittern. Solches Zittern wird bei den Tieren beobachtet und dient dem Stressabbau.

 


Urtriebe auf der seelisch-körperlichen Ebene

Anders ist es bei den Trieben, die eine Basis für unsere körperliche und seelische Gesundheit bilden. Diese sind dafür verantwortlich, dass bestimmte Erwartungshaltungen entstehen, die nicht nur uns, sondern auch ganze Generationen beeinflussen. Sie sind oft anerzogen, kulturell und gesellschaftlich geprägt, entsprechen unserem Wertekanon und beeinflussen unsere Überzeugungen und unser Verhalten.

 

Die folgenden drei Urtriebe prägen uns ganz besonders. Dazu gehören:

 

1. Überlebenstrieb:     

- Schutz vor Gewalt.

- Existenz- und Überlebenssicherung.

 

2. Herdentrieb:           

- Menschen finden, die zu mir passen.

- Von diesen Menschen angenommen sein.

 

3. Vergnügungstrieb: 

- Machtvoll und nicht machtlos zu sein.

- Einfluss auf mein Leben durch die Entscheidungsfreiheit nehmen.

- Macht oder Machtlosigkeit bestimmen die Grundstimmung.

 

Die Zeiten ändern sich, die Urtriebe bleiben gleich

Eine der mächtigsten Grundängste, die heute noch sehr stark auf uns wirkt, ist die Angst nicht überlebensfähig zu sein.

 

Diese Angst ist aus dem Urtrieb entstanden, von der Herde getrennt zu werden und sich selbst überlassen worden zu sein. Sie ist ein Relikt aus der Zeit, in der ein Einzelgänger keine Chance hatte, sich gegen die Gewalten der Natur zu behaupten. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft hatte somit für die Urmenschen eine existenzielle Bedeutung.

 

Foto@mike-scheid-unsplash


Diese, damals überlebenswichtige Informationen sind immer noch in unserem Reptilienhirn gespeichert und werden sofort aktiviert, sobald die Befriedigung der Urtriebe gefährdet wird.

 

Unsere zivilisierte Gesellschaft hat sich in relativ kurzer Zeit extrem weiterentwickelt. Die Urinstinkte mit ihrer machtvollen Wirkung auf uns sind immer noch die Gleichen geblieben.

Alleine der Verdacht, dass die Urtriebe nicht befriedigt werden könnten reicht aus, um die Urängste auszulösen. Sobald wir beispielsweise Ablehnung erfahren oder die Arbeitsstelle verlieren, wird die Überlebensangst getriggert und wir fühlen uns in unserer Existenz bedroht.

 

Sigmund Freud definiert die Urangst als Folge der ersten Trennung eines Neugeborenen von der Mutter. Die Geburt an sich beschreibt er als ein Urtrauma aus dem alle späteren Ängste resultieren sollen. Diese Urangst könnte in ihrem Ursprung auch auf den Überleben- und Herdentrieb zurückgeführt werden.

 

Foto@Mathilde-Langevin-Unsplash


Das Wissen darüber, dass die Urtriebe unsere Ängste auslösen, kann dabei helfen, diese zu relativieren.

Es könnte dabei helfen, die heutigen Ängste zu hinterfragen. Wir könnten überprüfen, ob es wirklich stimmt, dass wir beispielsweise verhungern werden, wenn wir die Arbeitsstelle verlieren. Ist das wirklich wahr? Wir könnten unseren Lebensstandard verlieren. Das stimmt! In unserem sozialen System werden wir aber immer etwas zu essen bekommen. 


Wenn uns der Partner oder die Partnerin verlässt, haben wir das Gefühl, wir müssen sterben. Stimmt das wirklich? Wir gehen nach der Trennung durch die Hölle, das stimmt, aber nach einer gewissen Zeit kehrt das Leben zurück und wir können wieder lachen.

Die Frage, die sich stellt ist also, inwiefern der älteste Teil unseres Gehirns, der mit seinen angeborenen Instinkten nur rudimentär ausgestattet ist, das Fühlen, Denken und Handeln im Jetzt bestimmen darf?

Die Ohnmacht

Wir alle kennen das Gefühl der Abhängigkeit, sei es als Kind oder Erwachsener, in der Familie, in der Schule, im Berufsleben oder in einer Beziehung. Diesem Zustand liegt das Gefühl der Ohnmacht zugrunde.

 

Die Ohnmacht aktiviert alle drei Urtriebe:

 

Ich fühle mich ohnmächtig (Vergnügungstrieb), kann mich aber nicht wehren, weil ich Angst habe abgelehnt, nicht mehr geliebt, verlassen oder gekündigt zu werden (Herdentrieb). Ich fühle mich dadurch bedroht und entwickele Verlust- oder Existenzängste (Überlebenstrieb).

 

Passe ich mich aber noch mehr an, bin brav, leiste noch mehr und stelle meine Bedürfnisse zurück, kann ich die Gefahr vielleicht vereiteln. Mindestens vorübergehend. 

 

Mit dieser Haltung bleibe ich machtlos. Mein Vergnügungstrieb will aber befriedigt werden und produziert Ängste, die mit der Zeit immer größer werden.

 

Aus der Opferhaltung denke ich, dass, wenn ich mich noch mehr anpasse, aufopfere, keine Bedürfnisse mehr anmelde, dann werde ich geliebt, angenommen und dann sind auch meine Ängste wieder weg. Das ist ein gewaltiger Trugschluss!

Denn aus den Erfahrungen entwickelt sich meine Grundstimmung: Durch die Anpassung und Unterordnung nehme ich die Opferhaltung an und bin der Überzeugung, den Umständen ausgeliefert zu sein. Ich habe das Gefühl, keinen Einfluss auf mein Leben zu haben.

 

Die gleichen Erfahrungen der Ohnmacht, wie oben beschrieben, könnten zu einer gegensätzlichen Grundstimmung führen. Ich entscheide mich dafür, mich nie wieder ohnmächtig zu fühlen und wähle den Weg der Macht. 


Ich beherrsche andere, bevor sie mich beherrschen. Ich kontrolliere alles und alle. Die Kontrolle gibt mir das Gefühl von Sicherheit und Einflussnahme. Ich übe Macht aus, dominiere andere und hoffe dadurch vermeiden zu können, dass ich verlassen, abgelehnt oder ausgeschlossen werde.

 

Auch hier entwickle ich eine bestimmte Grundstimmung, aus der ich meine Realität kreiere. Ich baue ein Kartenhaus aus Machtmissbrauch, dessen Fundament die Verlust- und Verlassensangst sind, begleitet von der Angst, es nicht wert zu sein, geliebt zu werden. 


Die Kontrolle wird dazu benutzt, alles zusammen zu halten und den Schein zu wahren. Dabei fühle ich mich oft einsam und überfordert und will eigentlich das Gleiche, wie in dem Beispiel davor: Ich will geliebt und akzeptiert werden.

 

Hier noch etwas zur Körperhaltung

Eine Harvard-Studie bestätigt, dass bereits 2 Minuten, in denen wir eine Power Pose* annehmen, reichen, um unsere Stimmung aufzuhellen und uns positiv und kraftvoll zu fühlen. Das bedeutet, dass wir durch die Körperhaltung unsere Selbstsicherheit stärken und unsere Ängste positiv beeinflussen können. So, wie unser Körper auf unsere Psyche reagiert, so reagiert auch unsere Psyche auf die Körperhaltung. Also, Kopf hoch und Krönchen richten!

 

*Die Power Pose anzunehmen bedeutet die kraftvolle Haltung, wie die einer Königin, eines Helden oder eines Gewinners nachzuahmen.

 

Foto@Miguel-Bruna-Unpslash


Die Grundstimmung und ihre Wirkung

Die beiden oben beschriebenen Grundstimmungen beinhalten die Ohnmacht als Grundgefühl. Daraus entstehen das Mangeldenken, die Minderwertigkeitsgefühle sowie die Verlust- und Existenzängste. 


Die Machtlosen versuchen ihre Ängste durch Unterwerfung, die Machtvollen durch übertriebene Kontrolle zu kompensieren. 


Es könnten daraus Glaubenssätze entstehen wie: "Mir steht es nicht zu, meine Bedürfnisse zu äußern. Ich bin dafür da, um anderen zu dienen. Ich muss es erst verdienen, geliebt zu sein." 


oder


 "Ich darf keine Schwäche zeigen. Wenn ich die anderen nicht kontrolliere und beherrsche, dann sehen sie, dass ich unsicher bin."

 

Es gibt natürlich nie NUR das Opfer oder NUR den Täter. In manchen Situationen sind wir alle machtlos und wiederum in anderen Situationen üben wir Macht aus. Welchen Urtrieb wir gerade ausleben ist davon abhängig, wer uns gegenüber steht und in welchem Kontext es geschieht.

 

Vor unseren Kindern werden wir andere Verhaltensweisen an den Tag legen als vor unseren Vorgesetzten oder Partnern. Ein Partner, der zuvor viel Macht in der Beziehung ausgeübt hat, wird sich als Opfer fühlen, wenn er verlassen wird. 


Seine Frau, die sich in der Beziehung lange untergeordnet hat, wird zwangsläufig zur Täterin, wenn sie plötzlich ihre Bedürfnisse über die ihres Mannes stellt, wodurch sie seine "Weltordnung" zerstört und die Verlustängste aktiviert. 


Wir wechseln hin und her, es gibt jedoch Tendenzen, die uns in unseren Grundzügen mehr zum Opfer oder mehr zum Täter machen.

 

Umso mehr wir unsere alten Themen bearbeiten, desto weniger ohnmächtig sind wir. Wir können zunehmend anderen Menschen und uns selbst souverän und liebevoll, anstatt bedürftig und abhängig, begegnen.

Zusammenfassend: Dem Verhalten des vermeintlichen Opfers, wie auch dem des Täters, liegen die gleichen Urtriebe und Urängste zugrunde. 


Beide haben Angst nicht geliebt und nicht akzeptiert zu werden, so wie sie sind und den anderen dadurch zu verlieren. 


Aus diesem Grund entwickeln sie solche Strategien, wie Unterwerfung oder Machtmissbrauch. Beide sind davon überzeugt, das Richtige zu tun, um das zu bekommen, was sie brauchen. Dabei werden sie unbewusst von uralten Instinkten gesteuert, die befriedigt werden wollen.

 

Diese Zusammenhänge zu erkennen ist wichtig, denn die Grundstimmung, die in uns vorherrscht, ist entscheidend dafür, welche Glaubenssätze wir unbewusst erschaffen und welche Menschen und Umstände wir dadurch anziehen.

 

Nach diesen Glaubenssätzen kreieren wir unsere Realität, denn unsere Überzeugungen locken genau das an, was zu unserem Glaubenssystem passt. 

 

Foto@Ben-White-Unsplash


Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen wir uns selbst ehrlich fragen: Wo bin ich noch bedürftig? Was versuche ich wegzudrücken? Wo fühle ich mich noch klein und ohnmächtig? Die Ängste zeigen uns immer, dass etwas nicht im Gleichgewicht ist.

Um bei unserem Beispiel zu bleiben; ein Opfer braucht einen Täter, damit seine Gefühle der Minderwertigkeit und seine aufopfernde Haltung bestätigt und im vollen Umfang erlebt werden können. 


Das Gleiche gilt für den Täter. Er braucht ein Opfer, um durch den Machtmissbrauch von seinen Unsicherheiten und Ängsten abzulenken.


Beide brauchen einander, um die jeweiligen Muster ausleben und gegenseitig befeuern zu können.

Der Leidensdruck ist nötig, um die alten Pfade zu verlassen. Dafür brauchen wir jemanden, der uns ständig spiegelt, wo wir noch bedürftig und ohnmächtig sind und welche Muster und Glaubenssätze wir immer noch bedienen. So funktioniert Wachstum!

Wir alle kennen Menschen, die immer wieder den gleichen Typ als Partner bekommen und scheinbar immer wieder die gleichen Erfahrungen machen. Das geschieht so lange, bis sie erkannt haben, was ihnen der Partner spiegelt. Eines ist sicher, nichts passiert zufällig!

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